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Umdenken auf der Insel? Der Spitzenfußball in England steht vielleicht vor neuerlichen Umwälzungen. Aston Villa prüft derzeit Möglichkeiten um Stehplätze nach deutschem Vorbild einzuführen. Die Villans folgen damit dem Beispiel Schottlands und könnten in der englischen Premier League eine Vorreiterrolle beim "sicheren Stehen" übernehmen.

Kommen die Anhänger von Aston Villa bald in den Genuss von Stehplätzen?
Stehplätze waren in den vergangenen Jahrzehnten stets ein Zankapfel zwischen Ordnungskräften, Funktionären und Fans. Kein Wochenende vergeht in Englands Stadien ohne die folgende Aufforderung eines Stewards an den renitenten Traditionalisten. Stehen sei asozial und zudem gefährlich, er oder sie möge sich bitte wieder hinsetzen.
Nach mehreren Stadionkatastrophen und zahlreichen Todesopfern in den 1980er Jahren beauftragte die damalige britische Regierung unter Margaret Thatcher Lord Justice Taylor mit einer Studie über Ursachen, Risikofaktoren und mögliche Lösungen zur Frage der Stadionsicherheit. Die wohl geläufigste Konsequenz der als "Taylor-Report" in die Geschichte des Fußballs eingegangenen Expertise war das Ende der Stehplätze, aber auch der Zäune, in britischen Stadien.
Die Fankultur auf den Rängen wurde als Keimzelle des Hooliganismus abgestempelt und auch ökonomisch weitgehend aus dem Stadion gedrängt. Denn durch die Versitzplatzung der alten "Terraces" verringerten sich die Zuschauerkapazitäten drastisch. Das ließ wiederum die Eintrittspreise auf bisweilen über 30 britische Pfund für die billigste Karte steigen. Dauerkarten eines Premier-League-Klubs scheinen überhaupt fast unerschwinglich – vor allem für das jüngere Publikum und damit dem Konsumenten von morgen, um in der Diktion des zum Wirtschaftszweig angewachsenen Sports zu bleiben.
Vorbild Deutschland
So einfach die Kritik an der bescheidenen Atmosphäre in den Stadien mit dem Totschlag-Argument "Safety first" inklusive einem Hinweis auf die vielen Toten weggewischt wurde, so sehr schmerzt die Engländer der Blick in die deutsche Bundesliga. Schließlich schafft ausgerechnet der fußballerische Erzrivale erfolgreich den Spagat zwischen neuen (sponsorfreundlichen) Arenen und prall gefüllten Stehplatztribünen. Die Fanblöcke gelten trotz aller Debatten um Pyrotechnik als sicher und werden auch außerhalb Deutschlands als Katalysator des Fußball-Booms erkannt. Die Bundesliga befindet sich im internationalen geschehen wieder auf der Überholspur.
Wie die Tageszeitung "Birmingham Mail" nun enthüllte, lotet Aston Villa Möglichkeiten aus, um das Stehplatz-Konzept, wie es in Deutschland aber auch anderen europäischen Staaten umgesetzt wird, nach England zu bringen. Bei ersten Treffern mit Interessensvertretern der "Football Supporters' Federation" erhielt Villa-Geschäftsführer Paul Kaulkner erwartungsgemäß Rückendeckung. Dennoch steht der Klub erst am Anfang des Weges. Schließlich muss neben der Premier League auch der Gesetzgeber überzeugt werden.
Wie sehr die Ansichten über Stehplätze divergieren können, illustriert vielleicht der Besuch des Klubmuseums des Chelsea FC. Dort wird geradezu verächtlich über eine archaische Zeit "ohne Komfort" berichtet, als die Zuschauer noch ohne Dach über dem Kopf und darüberhinaus "stehend dem Spiel folgen mussten."
Wenngleich die Rückkehr der Stehplätze ein Zugeständnis an Fußball-Romantiker ist, kommen erneut finanzielle Motive ins Spiel. Jahrelang versuchten die englischen Profivereine ihre geschrumpften Fassungsvermögen durch Um- oder Neubauten wieder zu erhöhen. Der große Bauboom rund um die Jahrtausendwende wurde durch Krisen der Wirtschaft jäh gestoppt. Selbst für Spitzenklubs wie Arsenal ist die Infrastrukturfrage ein Drahtseilakt, der mit einem horrenden Schuldenberg endete.
Aston Villa steht auf
Es scheint nur logisch, dass nun ausgerechnet ein Mittelständler wie Aston Villa den mutigen Schritt nach vorne wagt. Die Villans stehen nämlich stellvertretend für all jene Klubs, die ihre traditionsreiche Heimstätte nicht verlassen wollten oder konnten. Das Fassungsvermögen ist trotz Ausbaumaßnahmen auf rund 42.000 Zuschauer zurückgegangen. Zum Vergleich, als Rekordbesuch im Villa Park werden 76.588 Schaulustige aus dem Jahr 1946 geführt.
Trotzdem bekommt der Klub aus Birmingham sein Stadion nicht voll. Am vergangenen Wochenende konnte Aston Villa (gegen Everton) lediglich knapp 32.000 Zuschauer begrüßen. Anders als die Top-Vereine in London und Manchester naschen die Villans auch nicht so sehr am Kuchen der Globalisierung mit. Die leeren Sitze werden nicht einfach von Fußball-Touristen aufgefüllt.
Stagnierende oder gar fallende Zuschauerzahlen lassen in der bestvermarkteten Fußballliga der Welt naturgemäß die Alarmglocken läuten. Leere Tribünen finden auch die Millionen investierenden Fernsehanstalten so ganz überhaupt nicht schick. Dem Zeitgeist entsprechend muss die Wirtschaftskrise als eine Ursache herhalten. Sie machte schließlich gerade vor den Fans bzw. Konsumenten nicht halt. Die vermeintliche Lösung: Mit der Einführung von Stehplätzen würde die Kapazität der Stadien ohne dem Einsatz von schwerem Baugerät erhöht werden. Darüber hinaus könnten die Ticketpreise herabgesetzt werden, ohne dass der Klub Verluste macht.
Schottland möchte Pilotversuche 2012/2013 starten
Mit der selben Intention erlaubte bereits Ende Dezember die ebenfalls mit Zuschauerschwund kämpfende schottische Premier League die Einführung von Stehplätzen auf Probe. Pilotprojekte von Celtic und Motherwell sollen laut Medienberichten bereits mit dem Start der Saison 2012/2013 beginnen. Aston Villa liegt mit seinen Plänen etwas dahinter. Immerhin scheint mit der Ecke zwischen den Tribünen "Holte End" und "Trinity Road" schon ein Platz für das "sichere Stehen" gefunden. Wieviel Platz das "Tortenstück" vor der Videoleinwand bietet, bleibt allerdings abzuwarten.
Findet das Vorhaben Unterstützung, liegt der Ball schließlich bei den Fans. Sie haben nun die einmalige Chance auf historische Gerechtigkeit und können jene öffentlichen Stimmen, die sie kategorisch als "Tiere" brandmarkten, Lügen strafen.
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Sebastian Kelterer |